Zu den frühen Anzeichen einer degenerativen zervikalen Myelopathie (DCM) gehören eine zunehmende Ungeschicklichkeit der Hände, Schwierigkeiten bei feinmotorischen Tätigkeiten, Sensibilitätsstörungen oder leichte Veränderungen von Gang und Gleichgewicht. Da sich diese Beschwerden langsam entwickeln und die Symptome zunächst unspezifisch sein können, wird die zugrunde liegende Erkrankung oft nicht frühzeitig erkannt.
Wird die Erkrankung nicht behandelt, kann sie fortschreiten und zu bleibenden neurologischen Funktionsstörungen führen. Das können erhebliche Einschränkungen der Gehfähigkeit, der Handfunktion oder der autonomen Körperfunktionen sein. In schweren Fällen kann eine Tetraplegie entstehen.
Forschung als Grundlage für ein neues Handlungskonzept
Über Jahre hat am Balgrist ein interdisziplinäres Expertenteam aus dem Zentrum für Paraplegie, der Radiologie und Wirbelsäulenchirurgie neue diagnostische Ansätze entwickelt. Insbesondere die quantitative Bildgebung des Rückenmarks, fortgeschrittene neurophysiologische Verfahren und sensitive funktionelle Assessments ermöglichen es, subtile Rückenmarksschädigungen und neurodegenerative Veränderungen bereits zu erfassen, bevor deutliche funktionelle Beeinträchtigungen auftreten.
Diese Ansätze bilden die Grundlage des Perspektivartikels, der nun in der Fachzeitschrift The Lancet Neurology erschienen ist. Darin werden klinische Erfahrung und Forschung miteinander verknüpft. Die zusammengeführten Erkenntnisse basieren auf prospektiven Studien der Universitätsklinik Balgrist sowie auf Arbeiten von internationalen Ko-Autorinnen und Ko-Autoren. Sie ermöglichen eine bessere Einschätzung, bei welchen Patientinnen und Patienten mit milder DCM ein erhöhtes Risiko für eine neurologische Verschlechterung besteht. PD Dr. med. Carl Zipser, Leitender Arzt am Zentrum für Paraplegie und Erstautor betont: «Wir müssen unseren Blick auf die DCM verändern. Nicht erst der Nachweis einer bereits eingetretenen neurologischen Schädigung sollte den Zeitpunkt der Diagnose bestimmen, sondern bereits die ersten klinischen Hinweise auf eine beginnende Rückenmarksschädigung.»
Der Artikel überführt diese Erkenntnisse in einen gemeinsamen klinischen Handlungsrahmen. Dazu gehört, Ärztinnen und Ärzte stärker über frühe Anzeichen der DCM zu sensibilisieren, die Ausbildung von Medizinstudierenden und Fachpersonen zu stärken und Patientinnen und Patienten mit einer bereits milden Erkrankung besser über mögliche frühe Symptome zu informieren. Ziel ist es, die Erkrankung früher zu erkennen, das individuelle Progressionsrisiko besser einzuschätzen und eine Behandlung bei erhöhtem Risiko rechtzeitig einzuleiten.
«Eine multimodale Beurteilung trägt dazu bei, die DCM früher zu erkennen, das individuelle Risiko einer neurologischen Verschlechterung besser einzuschätzen und die Prognose zu verbessern. Damit können wir uns von einer reaktiven Behandlung bereits eingetretener neurologischer Beeinträchtigungen hin zu einer frühzeitigen Behandlung und Prävention weiterer Schäden bewegen», erläutert Prof. Dr. med. Patrick Freund, Leiter Zentrum für Paraplegie und korrespondierender Autor.
Früher erkennen, gezielter behandeln
Der im Perspektivartikel beschriebene Ansatz wird am Universitären Wirbelsäulenzentrum der Universitätsklinik Balgrist bereits in der klinischen Praxis umgesetzt. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit des Zentrums für Paraplegie, der Radiologie und Wirbelsäulenchirurgie ermöglicht eine umfassende Beurteilung der Patientinnen und Patienten mit milder zervikaler Myelopathie und darauf abgestimmte individuelle Therapieempfehlungen.
«Die Erkenntnisse zeigen, wie wichtig es ist, neue wissenschaftliche Methoden rasch in die klinische Versorgung zu überführen. Gerade bei einer fortschreitenden Erkrankung wie der DCM kann eine frühere und präzisere Beurteilung für die Patientinnen und Patienten entscheidend sein», sagt Prof. Dr. med. Mazda Farshad, Medizinischer Spitaldirektor und Leiter Universitäres Wirbelsäulenzentrum der Universitätsklinik Balgrist.
Die wissenschaftliche Arbeit wird weitergeführt. In einer neuer Kohortenstudie sollen ab 2027 innovative Diagnosemethoden untersucht werden und in einer Medikamentenstudie, wie sich die neurologischen Behandlungsergebnisse bei Patientinnen und Patienten mit Operationsindikation weiter verbessern lassen.
Link zur Publikation: Degenerative cervical myelopathy: early detection and the potential for preventing disability
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