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Mit Viren gegen Bakterien: EU fördert Phagentherapie mit 15 Millionen Euro

Phagen – Viren, die gezielt Bakterien abtöten

Das von der Universitätsmedizin Frankfurt geleitete Forschungsprojekt REPhRAME erhält 15 Millionen Euro aus dem europäischen Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe. Die Universitätsklinik Balgrist bringt dabei ihre langjährige Erfahrung in der klinischen Phagentherapie und Neuro-Urologie ein.

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Bakterien werden zunehmend resistent gegenüber Antibiotika. Eine Alternative ist die Therapie mit Viren, sogenannten Phagen, die ausschliesslich Bakterien befallen. Ein von der EU gefördertes, unter der Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt stehendes Forschungsprojekt (REPhRAME), an dem die Universitätsklinik Balgrist federführend beteiligt ist, untersucht erstmals im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie die Kombination aus Phagentherapie und Wiederherstellung des Mikrobioms im Darm. Dies mit dem Ziel, wiederkehrenden Harnwegsinfektionen vorzubeugen.

Wiederkehrende Harnwegsinfektionen zählen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen weltweit und sind durch zunehmende Antibiotikaresistenzen immer schwieriger zu behandeln. Ein internationales Forschungskonsortium, koordiniert von der Universitätsmedizin Frankfurt, will jetzt einen neuen Weg gehen. Die Universitätsklinik Balgrist bringt dabei ihre langjährige Erfahrung in der klinischen Phagentherapie und Neuro-Urologie ein, während die Universitätsmedizin Frankfurt und die Uniklinik Köln ihre Expertise in der Wiederherstellung des Darmmikrobioms mittels fäkalen Mikrobiota-Transfers beisteuern. Gemeinsam haben sie einen neuartigen Therapieansatz entwickelt, der nun im Rahmen des EU-geförderten Projekts REPhRAME erstmals in einer randomisierten klinischen Studie untersucht wird.

Die Neuro-Urologie der Universitätsklinik Balgrist zählt zu den führenden Einrichtungen für Diagnostik und Behandlung von neuro-urologischen Erkrankungen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Kessler werden hier innovative Behandlungsansätze für Patientinnen und Patienten mit komplexen Blasenfunktionsstörungen und wiederkehrenden Harnwegsinfektionen erforscht und in die klinische Anwendung überführt. REPhRAME baut auf diesen Forschungsarbeiten auf und entwickelt sie konsequent weiter.

REPhRAME wird mit 15 Millionen Euro aus dem europäischen Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon Europe gefördert. Das Projekt erprobt erstmals einen zweistufigen Therapieansatz. Zunächst sollen Phagen – Viren, die gezielt Bakterien abtöten – die Krankheitserreger bekämpfen. Anschliessend wird die Darmflora wiederhergestellt, um erneute Infektionen zu verhindern. Das Projekt startete im Juni 2026 und ist auf fünf Jahre angelegt.

Jedes Jahr erkranken weltweit mehr als 400 Millionen Menschen an einer Harnwegsinfektion; bei 30 bis 50 Prozent tritt die Infektion wiederholt auf. Da die Standardbehandlung mit Antibiotika das Risiko von Resistenzen erhöht, stehen Betroffene oft in einem Kreislauf aus Infektion, Antibiotikagabe und erneuter Infektion – ohne dauerhaften Ausweg.

«Die besondere Stärke von REPhRAME liegt in der Bündelung komplementärer Expertisen. Erst die enge Zusammenarbeit über Fach- und Ländergrenzen hinweg macht es möglich, diesen innovativen Therapieansatz in einer grossen randomisierten klinischen Studie zu prüfen. Damit schaffen wir die wissenschaftliche Grundlage für neue Behandlungsoptionen bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen», sagt PD Dr. Lorenz Leitner, Oberarzt Neuro-Urologie an der Universitätsklinik Balgrist. Gemeinsam mit Dr. Shawna McCallin leitet Leitner die Phage Therapy & Research Gruppe an der Universitätsklinik Balgrist. McCallin ergänzt: «Phagen besitzen das Potenzial, bakterielle Infektionen gezielt und hochspezifisch zu bekämpfen und gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren. REPhRAME markiert einen wichtigen Meilenstein für die klinische Phagenforschung in Europa: Erstmals wird untersucht, ob die Kombination aus Phagentherapie und Wiederherstellung des Darmmikrobioms nachhaltig vor wiederkehrenden Harnwegsinfektionen schützen kann. Diese einzigartige Chance bringt uns einen entscheidenden Schritt näher an eine evidenzbasierte Anwendung der Phagentherapie in der klinischen Praxis.»

Neue Strategie gegen einen Teufelskreis aus Infektion und Antibiotikaeinsatz

REPhRAME setzt auf Phagen, weil diese im Gegensatz zu Antibiotika hochspezifisch wirken: Sie greifen nur die Zielbakterien an und schonen grosse Teile der natürlichen Mikrobiota.

Konkret kommt zunächst ein CRISPR-gestützter Phagencocktail zum Einsatz, der gezielt gegen die häufigsten Auslöser von Harnwegsinfektionen – bestimmte Stämme des Darm-bakteriums Escherichia coli – vorgeht und dabei die Entstehung neuer Resistenzen erschwert. Im zweiten Schritt soll das Darmmikrobiom wiederhergestellt werden: Mit INTESTIFIX 001, einem Produkt der Cologne Microbiota Bank, werden Stuhlbakterien von gesunden Spenderinnen und Spendern übertragen, um das natürliche Gleichgewicht im Darm zu reaktivieren. Ziel ist es, den Körper langfristig vor erneuten Infektionen zu schützen.

Klinische Studie soll Weg für Phagentherapie in Europa ebnen

Kern des Projekts ist eine klinische Studie in mehreren europäischen Zentren, die Sicherheit und Wirksamkeit der neuen Behandlung systematisch untersucht. Verglichen werden drei Ansätze: Phagentherapie allein, Phagen in Kombination mit Antibiotika sowie Phagentherapie mit anschliessender Wiederherstellung des Mikrobioms.

«Rezidivierende Harnwegsinfektionen stellen eine erhebliche Belastung für Patientinnen und Patienten sowie für Gesundheitssysteme dar – für viele Betroffene reichen die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten allerdings schlicht nicht aus», sagt Prof. Dr. Maria J.G.T. Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie der Universitätsmedizin Frankfurt und Gesamtverantwortliche des Projekts. «REPhRAME soll die Phagentherapie von einem vielversprechenden Forschungsansatz zu einer klinisch erprobten Behandlungsop-tion machen – mit belastbaren Daten zu Sicherheit, Wirksamkeit und Implementierung. Damit wollen wir das Fundament legen, auf dem die Phagentherapie europaweit in die medizinische Praxis einzieht.»

Frankfurt koordiniert internationales Konsortium

Das Konsortium unter Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt vereint 16 Partner aus Wissenschaft, klinischer Forschung und Industrie in acht europäischen Ländern. Gemeinsam bündeln sie Expertise in den Bereichen Infektionskrankheiten, klinische Studien, Phagentherapie, Mikrobiomforschung, Mikrobiologie, Bioinformatik, regulatorische Wissenschaften, Arzneimittelentwicklung und patientenzentrierte Forschung.

Zu den Partnern zählen SNIPR Biome in Dänemark, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, die Medizinische Hochschule Hannover, die LINQ management GmbH und die Uniklinik Köln in Deutschland, das HUN-REN Biological Research Centre in Ungarn, die Riga Stradiņš University in Lettland, das Leiden University Medical Center in den Niederlanden, Jafral in Slowenien, das Swiss Institute of Bioinformatics, die Universität Bern und die Universitätsklinik Balgrist, Universität Zürich in der Schweiz sowie die University of Leicester und die University of Reading im Vereinigten Königreich.

Forschung über die Studie hinaus

REPhRAME plant eine Reihe begleitender Untersuchungen. Vorgesehen sind unter anderem Analysen dazu, wie Phagen im Körper wirken und abgebaut werden, welche Abwehrreaktionen sie auslösen und wie sich das Mikrobiom im Behandlungsverlauf verändert. Darüber hinaus sollen KI-gestützte Modelle entwickelt werden, die vorhersagen, bei welchen Patientinnen und Patienten die Therapie besonders gut anschlägt. Geplant sind zudem gesundheitsökonomische Berechnungen sowie eine systematische Erhebung der Patientenperspektive – etwa zu Beschwerden, Lebensqualität und der Akzeptanz der neuen Behandlung.

Über REPhRAME
REPhRAME steht für Recurrent Urinary Tract Infection: Efficacy and Safety of Phage Therapy and Microbiota Transfer. Das Projekt wird durch Horizon Europe gefördert. Es hat das Potenzial, den Antibiotikaeinsatz signifikant zu reduzieren, die Zahl wiederkehrender Infektionen zu senken und die Lebensqualität vieler Betroffener nachhaltig zu verbessern. Zugleich schafft REPhRAME die wissenschaftlichen und regulatorischen Grundlagen, um phagenbasierte Therapien künftig breiter in die klinische Versorgung zu überführen.

Kontakt
PD Dr. Lorenz Leitner
Neuro-Urologie
Universitätsklinik Balgrist / Universität Zürich
lorenz.leitner@remove-this.balgrist.ch

Universitätsklinik Balgrist, Branding
+41 44 386 14 15 / kommunikation@remove-this.balgrist.ch